Human Ressource
“Human Resources“ ist das freundlichste Wort, das Unternehmen dafür gefunden haben, dass Menschen in einer Kostenstelle geführt werden. Man wird eingestellt, bewertet, weiterentwickelt und irgendwann freigesetzt, alles sehr wertschätzend formuliert.
Dieser Text macht es nicht besser. Er treibt den Gedanken auf die Spitze und bucht gleich dein ganzes Leben. Deine Gesundheit bekommt eine Abschreibung, deine Freundschaften eine Verzinsung und der letzte Samstagabend taucht als Ausreißer in der Bilanz auf. Das klingt, als hätte ein Controller zu lange allein im Büro gesessen.
Ich trage diesen Gedanken jedoch bereits seit Jahren mit mir herum und denke ihn hier zum ersten Mal zu Ende. Es kommen zwei Formeln vor und Vorkenntnisse braucht man keine.
1. Alles ist Kapital
Stell dir vor, jeder Mensch wird mit einem Startkapital geboren, sagen wir 100 Punkten. Dieses Kapital liegt nicht auf einem Konto, sondern auf vielen:
- Gesundheit: wie gut dein Körper funktioniert
- Beziehungen: Menschen, die dir vertrauen, helfen und dich weiterbringen
- Wissen und Fähigkeiten: was du kannst und verstehst
- Psychische Stabilität: wie belastbar du bist
- Ruf: was andere von dir erwarten
- Geld
Anzumerken: Die Zahl 100 ist frei gewählt um die Rechenbeispiele einfach zuhalten. Nicht jeder startet bei 100. Gene, Familie und Umfeld verteilen das Startkapital sehr ungleich. Der Soziologe Pierre Bourdieu hat schon 1986 beschrieben, dass Menschen neben Geld auch Bildung und Beziehungen erben.
Spannender als der Start ist aber, was danach passiert. Jede Handlung und jedes Ereignis zahlt auf diese Konten ein oder hebt von ihnen ab. Und weil viele dieser Konten Zinsen tragen, wirken die Buchungen weit über den Tag hinaus.
2. Was Zinseszins bedeutet
Legst du 100 Euro zu 10 Prozent Zinsen pro Jahr an, hast du nach einem Jahr 110 Euro. Im zweiten Jahr bekommst du 10 Prozent auf 110, also 11 Euro und hast 121. Die Zinsen tragen selbst wieder Zinsen. Nach zehn Jahren sind aus 100 Euro knapp 260 geworden, ohne diesen Effekt wären es nur 200.
Was dazukommt, hängt also davon ab, wie viel schon da ist. Im Leben ist das oft genauso. Wer viel weiß, versteht Neues schneller. Wer ein gutes Netzwerk hat, lernt darüber weitere gute Leute kennen. Wer als verlässlich gilt, bekommt Chancen, die ihn noch verlässlicher machen. Die Soziologie nennt das den Matthäus-Effekt, nach dem Bibelvers „Wer hat, dem wird gegeben“.
Wie mächtig das ist, zeigt ein bekanntes Rechenbeispiel. Wer jeden Tag um 1 Prozent besser wird, ist nach einem Jahr rund 38-mal so gut wie am Anfang. Wer jeden Tag 1 Prozent verliert, hat nach einem Jahr noch knapp 3 Prozent übrig.
Allerdings funktioniert nicht jedes Lebenskonto so. Warum, zeigt Abschnitt 4.
3. Wie sich ein Konto verändert
Auf jedes Konto wirken zwei Kräfte von selbst:
- z, der Zins: was dein Kapital K von selbst erzeugt. Ein Freund stellt dich jemandem vor, oder dein Vorwissen lässt dich einen Artikel in der halben Zeit verstehen.
- a, die Abschreibung: was von selbst verfällt, ob du willst oder nicht. Sprachen rosten ein, Freundschaften kühlen ab, der Körper altert.
Beide wirken als Anteil vom Kontostand. Wer doppelt so viele gute Kontakte hat, bekommt ungefähr doppelt so viele Empfehlungen.
Alles andere, was auf ein Konto wirkt, lässt sich nach zwei Fragen sortieren: Ist es gut oder schlecht? Und passiert es einmal oder regelmäßig?
| einmalig | regelmäßig | |
|---|---|---|
| gut | Sprung nach oben (+S): ein Mentor, ein prägendes Gespräch, eine Erbschaft | Einzahlung (E): Training, Lernen, gepflegte Freundschaften |
| schlecht | Sprung nach unten (−S): ein Absturz, ein Unfall, ein Streit | Last (L): jede Woche ein Absturz, Übergewicht, Dauerstress |
Diese vier Größen behandle ich der Einfachheit halber als feste Beträge.
Ob etwas von dir kommt oder von außen, ist dem Konto egal. Eine Krankheit wirkt wie ein Absturz, eine Erbschaft wie eine gute Entscheidung. Das Äußere kannst du nicht steuern, wohl aber, wie viel Puffer du hast, wenn es kommt. Darauf kommen wir in Abschnitt 8 zurück.
Zusammen ergibt das eine einzige Formel:
K(morgen) = K(heute) · (1 + z − a) + E − L ± S
In Worten: Dein Kontostand von morgen ist der von heute, vermehrt um den Zins und vermindert um die Abschreibung. Dazu kommen deine Einzahlungen, ab gehen deine Lasten und manchmal springt das Konto einmalig nach oben oder unten.
Der Teil (1 + z − a) ist nur eine Abkürzung für K + z·K − a·K. Die Differenz z − a nenne ich Nettozins. Er sagt, was ein Konto unterm Strich von selbst tut.
Ein Rechenbeispiel: Dein Konto steht bei 100, der Zins liegt bei 0,5 Prozent pro Tag und die Abschreibung bei 0,2 Prozent. Du zahlst täglich 0,1 ein. Dann gilt 100 · 1,003 + 0,1 = 100,4. Kostet dich zusätzlich eine Last täglich 0,1, stehst du morgen bei 100,3.
Die Zahlen sind ausgedacht, denn niemand kann sein Wissen in Punkten messen. Genauso wenig passt alles sauber in ein Feld. Schlaf zum Beispiel ist eine Einzahlung und hilft dem Körper zugleich, sich selbst zu reparieren. Das Modell ist eine grobe Hilfsvorstellung. Es geht um Verhältnisse, nicht um genaue Werte.
4. Zwei Arten von Konten
Ob der Nettozins positiv oder negativ ist, macht aus derselben Formel zwei völlig verschiedene Welten.
Verzinsende Konten wachsen von selbst, weil der Zins größer ist als die Abschreibung. Dazu gehören Wissen, Beziehungen, Ruf und Geld. Ich zähle auch psychische Stabilität dazu, weil Stabilität Stabilität erzeugt. Wer gefestigt ist, übersteht Krisen besser und wird dadurch noch gefestigter.
Stell dir einen Schneeball vor, der einen Hang hinunterrollt. Er wird von selbst größer und je größer er ist, desto schneller wächst er. Bricht ein Stück ab, bleibt er für den Rest des Weges kleiner und der Abstand zum unbeschädigten Ball wächst mit. Klebt einmal ein Stück Schnee dazu, gilt dasselbe umgekehrt. Der Vorsprung bleibt und wächst mit.
Abschreibende Konten schrumpfen von selbst, weil die Abschreibung größer ist als der Zins. Das wichtigste Beispiel ist die Gesundheit. Der Körper wird nicht von selbst gesünder, er altert. Der Gesundheitsökonom Michael Grossman hat Gesundheit schon 1972 genau so beschrieben, als Kapital, das nur durch laufende Investitionen gehalten wird, also durch Bewegung, Schlaf und Ernährung.
Hier passt das Bild eines Eimers mit einem Loch im Boden. Oben fließt Wasser hinein, das sind deine Einzahlungen. Unten läuft es heraus, weil der Körper altert und sich abnutzt. Einen Teil davon holt er sich von selbst zurück, weil er sich laufend repariert. Diese Regeneration ist der Zins der Gesundheit. Sie ist nur kleiner als die Abnutzung, deshalb bleibt unterm Strich ein Loch. Je höher das Wasser steht, desto stärker drückt es durch dieses Loch und desto mehr läuft heraus. Deshalb pendelt sich der Wasserstand von selbst dort ein, wo genauso viel herausläuft, wie hineinfließt.
Daraus folgen zwei Hebel. Mehr Zufluss hebt den Wasserstand, und ein kleineres Loch tut es auch. Mit dem Alter wird das Loch dagegen langsam größer.
Kippt einmal ein Schwall Wasser heraus, füllt der stetige Zufluss den Eimer wieder auf. Schüttet man einmal einen Schwall dazu, läuft er langsam wieder auf seinen alten Stand zurück. Nur was regelmäßig passiert, verändert den Wasserstand dauerhaft.
Daraus folgen zwei Sätze, die man sich merken kann:
- Auf verzinsenden Konten zählt jeder einzelne Moment. Wer heute einen Punkt verliert, verliert alles, was daraus geworden wäre. Und ein einzelner Glücksfall, etwa ein Mentor mit 20, zahlt sich ein Leben lang aus.
- Auf abschreibenden Konten zählen nur Gewohnheiten. Ein Absturz verblasst, eine Wellnesswoche auch.
Das erklärt, warum eine einzelne Partynacht der Gesundheit langfristig wenig schadet, regelmäßiges Trinken aber viel.
Abbildung 1: Beide Kontotypen im Vergleich: ein einmaliger Sprung nach oben (+10), ein einmaliger Sprung nach unten (−10) und die Gewohnheit, jede Woche einen Punkt zu verlieren.
5. Was ein Absturz wirklich kostet
Bleiben wir bei den verzinsenden Konten, etwa deinem Wissen. Angenommen, eine durchzechte Nacht kostet dich dort einen Punkt. Du verlierst nicht nur diesen Punkt, sondern auch alle Zinsen, die er in Zukunft erwirtschaftet hätte und die Zinsen auf diese Zinsen.
Oft ist aber etwas anderes noch teurer. Der Tag danach. Wer verkatert ist, lernt nichts und arbeitet schlecht. Der Zins fällt an diesem Tag weg, während die Abschreibung weiterläuft. Ich nenne das Zinsausfall.
Stell dir zwei Menschen mit gleichen Konten vor, die gleich schnell wachsen. Einer legt einen Tag Pause ein. Ab diesem Moment ist er dem anderen mindestens einen Tag hinterher und zwar für immer. Prozentual bleibt der Rückstand gleich, in Punkten wächst er aber mit, weil der Vorsprung des anderen mitverzinst wird.
In Abbildung 2 wächst ein Konto um 0,5 Prozent pro Tag. Ein verlorener Punkt an Tag 30 ist nach einem Jahr zu gut 5 Punkten Rückstand geworden. Kommen drei Tage Zinsausfall dazu, sind es rund 14 Punkte.
Dem Investor Charlie Munger wird dazu ein Satz zugeschrieben: Die erste Regel des Zinseszinses ist, ihn nie unnötig zu unterbrechen.
Ein Absturz trifft also zwei Arten von Konten. Der Schaden an der Gesundheit ist vorübergehend, denn der stetige Zufluss füllt den Eimer wieder auf. Der verlorene Tag auf den verzinsenden Konten dagegen kommt nie zurück, er fehlt für immer und wächst mit. Auf lange Sicht kostet ein einzelner Absturz deshalb weniger Gesundheit als Zukunft.
Und wenn der Tag danach jede Woche kommt? Dann fällt jeder siebte Tag aus und das Konto wächst dauerhaft langsamer. Bei 0,5 Prozent Zins pro Tag steht es nach einem Jahr fast ein Viertel tiefer als ohne die verlorenen Tage. Als Gewohnheit kostet ein Absturz also beides, Gesundheit und Zukunft.
Abbildung 2: Ein verzinsendes Konto mit 0,5 Prozent Zins pro Tag, verglichen mit einem Verlust von einem Punkt, einem Verlust mit drei Tagen Zinsausfall und einem Zinsausfall an jedem siebten Tag. Vereinfacht ohne Abschreibung.
6. Warum Verluste schwerer wiegen als Gewinne
Wer 20 Prozent verliert, braucht danach nicht 20 Prozent, sondern 25 Prozent Gewinn, um wieder am Anfang zu stehen. Von 100 auf 80 fehlen zwar 20 Punkte, aber 20 sind ein Viertel von 80. Bei 50 Prozent Verlust braucht man 100 Prozent Gewinn, also eine Verdopplung, bei 80 Prozent Verlust 400 Prozent, also das Fünffache.
Das gilt für verzinsende Konten, weil sie sich prozentual erholen müssen. Die Gesundheit erholt sich anders. Dort zieht der stetige Zufluss das Konto von selbst zurück und je tiefer es gefallen ist, desto kräftiger, solange keine bleibenden Schäden entstehen.
Der Physiker Ole Peters zieht daraus eine wichtige Konsequenz: Große Einbrüche zu vermeiden ist wichtiger als ein hoher Durchschnitt. Du lebst nicht den Durchschnitt vieler Leben, sondern nur ein einziges.
Abbildung 3: Nötiger Gewinn zur Erholung in Abhängigkeit vom Verlust, verglichen mit der intuitiven Annahme „gleich großer Gewinn“.
7. Lasten
Lasten sind das Feld unten rechts in der Tafel aus Abschnitt 3. Alles, was dich regelmäßig etwas kostet. Dazu gehören schlechte Gewohnheiten, aber auch Zustände wie Übergewicht oder Dauerstress und Dinge von außen wie eine chronische Krankheit. Übergewicht ist dabei keine fehlende Gesundheit, sondern eine Last, die auf einer vorhandenen Gesundheit liegt.
Warum Lasten so gefährlich sind, zeigt ein Vergleich mit der Abschreibung. Die Abschreibung ist ein Anteil: 10 Prozent von 100 sind 10, von 10 nur noch 1. Sie bremst sich also selbst. Eine Last kostet dagegen immer gleich viel, egal wie viel du noch hast.
Aus einem Sprung wird eine Last, sobald er sich wiederholt. Ein einzelner Absturz ist ein Sprung nach unten. Passiert er jede Woche, wird er zur Last.
Und Lasten können wachsen. Aus einmal pro Woche wird zweimal, so wird aus einer Gewohnheit eine Sucht. Übergewicht macht Bewegung mühsamer und weniger Bewegung führt zu mehr Gewicht. Abbauen kann man eine Last, aber nur, wenn man schneller abbaut, als sie wächst. Das kennt jeder vom Kredit. Liegt die Rate unter den Zinsen, wächst die Schuld trotz Zahlung.
Was eine Last anrichtet, hängt vom Kontotyp ab.
Bei der Gesundheit ist eine Last wie ein Becher, mit dem jemand regelmäßig Wasser aus dem Eimer schöpft. Bleibt der Becher gleich groß, pendelt sich der Wasserstand tiefer ein. Wird der Becher größer, sinkt der Wasserstand immer weiter. Schöpft er mehr ab, als zufließt, läuft der Eimer leer. Nicht die Last an sich zieht dich nach unten, sondern dass sie wächst.
Bei verzinsenden Konten kann eine Last eine Abwärtsspirale auslösen, das zeigt Abschnitt 8. Der Psychologe Stevan Hobfoll hat solche Spiralen beschrieben: Wer Ressourcen verliert, hat weniger übrig, um weitere Verluste abzuwehren.
Kann ein Konto unter null fallen? Bei der Gesundheit nicht. Lange vorher liegt eine Untergrenze, der Tod. Man erreicht sie irgendwann auch ganz ohne Lasten, allein durch die Abschreibung und das ist Altern. Lasten sorgen nur dafür, dass man schneller dort ankommt.
Echte Minuswerte gibt es nur bei Geld, Ruf und Beziehungen: Bei Schulden, wenn Menschen vor dir warnen, wenn Menschen gegen dich arbeiten. Dort arbeitet der Zins gegen dich, denn ein schlechter Ruf wird weitererzählt. Wer nicht warten will, bis Gras über die Sache wächst, muss aktiv einzahlen.
8. Der Kipppunkt
Verzinsende Konten haben eine unsichtbare Schwelle, den Kipppunkt. Darüber wächst das Konto von selbst, darunter schrumpft es von selbst.
Zurück zum Schneeball. Er rollt den Hang hinunter und sammelt Schnee und zwar umso mehr, je größer er ist. Jetzt stell dir vor, jemand nimmt ihm jeden Tag eine feste Handvoll Schnee weg. Das ist die Last. Ein großer Schneeball sammelt mehr, als ihm genommen wird und wächst weiter. Ein kleiner Schneeball sammelt weniger, als ihm genommen wird. Er schrumpft, sammelt dadurch noch weniger und schrumpft immer schneller.
Dazwischen gibt es genau eine Größe, bei der sich beides aufhebt. Das ist der Kipppunkt. Rechnerisch sammelt der Schneeball (z − a) · K und die Last nimmt L. Setzt man beides gleich, erhält man:
K* = L / (z − a)
Daraus folgen drei Dinge:
- Ohne Last wächst jeder Schneeball, egal wie klein.
- Je größer die Last, desto größer muss der Schneeball sein, um nicht zu schrumpfen. Sammelt dein Konto 0,3 Prozent pro Tag und kostet die Last täglich 0,1, muss es mindestens 33 groß sein. Kostet die Last 0,3, reichen 100 gerade noch.
- Wächst die Last, steigt der Kipppunkt. Dein Schneeball hat sich nicht verändert und ist trotzdem plötzlich zu klein. Einzahlungen wirken umgekehrt. Wer regelmäßig Schnee dazulegt, kommt auch mit einem kleineren Schneeball aus.
Hier zeigt sich, wozu Puffer gut ist. Ein Sprung nach unten wirft jeden Schneeball ein Stück zurück, ob selbst verschuldet oder von außen, etwa durch eine Krankheit oder einen Jobverlust. Ein großer Schneeball bleibt dabei über dem Kipppunkt und wächst weiter. Einer, der knapp darüber lag, fällt darunter und schrumpft ab da von selbst. Die Sprünge von außen kannst du nicht verhindern, nur den Abstand zum Kipppunkt.
Beim Eimer gibt es keinen Kipppunkt. Solange mehr zufließt, als die Last abschöpft, pendelt sich der Wasserstand immer wieder ein. Die Gefahr bei der Gesundheit ist die Untergrenze. Man erreicht sie, wenn die Last mehr abschöpft, als zufließt, oder wenn der Wasserstand zu nah an ihr liegt.
Abbildung 4: Wie viel Schnee der Schneeball pro Tag sammelt, je nach seiner Größe, im Vergleich zu zwei verschieden großen Lasten. Wo sich die Linien kreuzen, liegt der Kipppunkt.
9. Alles ist eine Abwägung
Fast keine Handlung bucht nur auf ein Konto. Ein Partyabend ist ein Sprung nach oben bei den Beziehungen und ein Sprung nach unten bei der Gesundheit. Dazu kommt ein Zinsausfall am nächsten Tag.
Um das abzuwägen, rechnet man für jedes Konto aus, was nach einem Jahr aus der Veränderung geworden ist und zählt alles zusammen. Den Zinsausfall rechne ich hier vereinfacht nur auf einem Konto:
| Posten | Veränderung heute | Nettozins pro Tag | Wert nach einem Jahr |
|---|---|---|---|
| Beziehungen | +2 | +0,3 % | +5,97 |
| Gesundheit | −1 | −0,3 % | −0,33 |
| Zinsausfall beim Wissen | −0,5 | +0,3 % | −1,49 |
| Summe | +4,15 |
Der Abend hat sich gelohnt. Aber was passiert, wenn man jede Woche feiert? Mit denselben Annahmen ergibt die Rechnung nach einem Jahr ein Plus von rund 88 Punkten. Jede Woche zu feiern wäre also noch besser als einmal.
Hier stimmt etwas nicht. Die Rechnung kennt nur Dellen, keine neuen Niveaus. Aus vielen einzelnen Sprüngen ist eine Last geworden und das ändert vier Dinge:
- Die Gesundheit pendelt sich tiefer ein. Aus dem Eimer wird jede Woche ein Becher geschöpft. Im Beispiel steht die Gesundheit nach einem Jahr bei rund 68 statt 100 und sinkt weiter Richtung 52 (Abbildung 1).
- Das neue Niveau drückt alle anderen Zinsen. Wer dauerhaft weniger fit ist, schläft schlechter, lernt langsamer und hat weniger Energie für Menschen. Umgekehrt leben Menschen mit guten Beziehungen nachweislich länger und zwar in einer Größenordnung, die mit dem Effekt des Rauchens vergleichbar ist (Holt-Lunstad und andere, 2010). Die Konten hängen zusammen.
- Der Gewinn nutzt sich ab, die Kosten nicht. Der fünfzigste Abend mit denselben Leuten bringt weniger als der erste. Die Gesundheit zahlt dagegen jedes Mal gleich.
- Die Last kann wachsen. Aus einmal pro Woche wird zweimal.
Einen einzelnen Abend kann man so abwägen, eine Gewohnheit nicht, denn sie verändert genau die Zinssätze, mit denen man rechnet. Dazu kommt, dass jeder Mensch einen eigenen Wechselkurs hat. Ob ein Punkt Beziehung so viel wert ist wie ein Punkt Gesundheit, kann kein Modell entscheiden.
Mein Fazit: Alles ist eine Abwägung, aber frei abwägen kann nur, wessen Schneebälle deutlich über ihrem Kipppunkt liegen und wessen Gesundheit weit von der Untergrenze entfernt ist. Wer nah dran ist, schützt zuerst und optimiert danach.
10. Was dieses Modell nicht kann
Keine dieser Zahlen lässt sich messen und 0,5 Prozent Zins pro Tag wären mehr als eine Versechsfachung pro Jahr. Auch die Zinssätze sind in Wirklichkeit nicht konstant, sie ändern sich mit Alter, Umfeld, Gewohnheiten und dem Kapital selbst.
Das Modell ist deshalb kein Rechner, sondern ein Denkwerkzeug. Es zeigt Richtungen, Verhältnisse und Schwellen. Es erklärt, warum sich „ein Abend ist doch egal“ manchmal richtig und manchmal falsch anfühlt. Und es erklärt, warum der Weg aus dem Loch länger ist als der Weg hinein. Eine Landkarte ist auch nicht das Gelände, aber ohne sie verläuft man sich schneller.
Fünf Regeln nach denen ich lebe
- Unterbrich den Zinseszins nicht unnötig. Auf verzinsenden Konten verschiebt ein verlorener Tag deine ganze Zukunft.
- Nimm Glücksfälle mit. Ein Gespräch, ein Mentor oder eine Gelegenheit kann sich auf verzinsenden Konten ein Leben lang auszahlen.
- Achte mehr auf Gewohnheiten als auf einzelne Tage. Gute Gewohnheiten sind Einzahlungen, schlechte sind Lasten. Bau zuerst die ab, die wachsen.
- Halte deinen Schneeball groß genug. Sprünge nach unten kommen auch von außen und unter dem Kipppunkt hilft kein Zins mehr, nur noch Einzahlung.
- Investiere dort, wo sich Konten gegenseitig stärken. Guter Schlaf und gute Menschen verzinsen sich fast überall.
Alle Buchstaben auf einen Blick
| Zeichen | Bedeutung | Beispiel |
|---|---|---|
| K | Kapital, der Kontostand eines Lebensbereichs | deine Fitness, dein Netzwerk |
| z | Zins: was das Kapital von selbst erzeugt | Empfehlungen aus deinem Netzwerk |
| a | Abschreibung: was von selbst verfällt | Vergessen, Altern |
| z − a | Nettozins: was ein Konto unterm Strich von selbst tut | positiv beim Schneeball, negativ beim Eimer |
| E | Einzahlung: regelmäßig gut | Training, Lernen |
| L | Last: regelmäßig schlecht, Kosten pro Tag | jede Woche Absturz, Übergewicht |
| S | Sprung: einmalig, nach oben oder unten | ein Mentor, ein Absturz |
| K* | Kipppunkt: Mindestgröße des Schneeballs | darunter geht es von selbst bergab |
Zum Weiterlesen
- Grossman, M. (1972): On the Concept of Health Capital and the Demand for Health. Journal of Political Economy.
- Bourdieu, P. (1986): The Forms of Capital.
- Merton, R. K. (1968): The Matthew Effect in Science. Science.
- Hobfoll, S. (1989): Conservation of Resources. American Psychologist.
- Peters, O. (2019): The ergodicity problem in economics. Nature Physics.
- Holt-Lunstad, J. et al. (2010): Social Relationships and Mortality Risk. PLoS Medicine.